Freies in Wort und Schrift

Lesen gefährdet die Dummheit

Wer ist eigentlich dieser Karl Popper und was hat er gesagt? – Zur Neujahrsansprache der Kanzlerin

Wie üblich wendet sich Frau Merkel mit einer Neujahrsansprache an das Volk und spricht von Stärken, Wohlergehen, Wohlstand, Bildung und allerhand solch schöner Dinge. Außerdem zeigt sie einige Ziele auf wie das Schaffen neuer Studienplätze, die modernste Energieversorgung der Welt, mehr Arbeitsplätze, bessere Gesundheitsversorgung, ein vereinfachtes Steuersystem, Integration und, bitte merken, sie verspricht Ordnung. Die ganze Ansprache kann hier nachgelesen werden.

Am Ende der Ansprache zitiert Merkel den Philosophen Karl Popper. Bevor wir uns nun dieses Zitat ansehen, zunächst etwas über Popper. Ich muss dazu sagen, dass ich mich nun leider erst seit heute morgen mit Popper beschäftige und daher selber nur auf Enzyklopädieeinträge, Zusammenfassungen und Ähnliches stützen kann. Allerdings habe ich auch direkt beschlossen, mich in nächster Zeit näher mit Poppers Werk zu beschäftigen.

Sir Karl Raimund Popper postulierte die „Offenen Gesellschaft“. Im Gegensatz dazu steht die „Geschlossene Gesellschaft“. Während in der offenen Gesellschaft Werte wie Hoffnung, Innovation, Pluralität, Chancengleichheit, Individualität, Autonomie, Toleranz und Lernen im Mittelpunkt stehen, geht es in der geschlossenen Gesellschaft vor allem um Stabilität, Vorausschaubarkeit, Harmonie, Konsens, Elite, Hirarchie, Sicherheit, Ordnung, Orientierung und Sinn (Sokianos , S. 4). Hier ein informativer Ausschnitt aus einem Nachruf von Volker Gadenne:

In »Die offene Gesellschaft« ging es Popper vor allem darum, die geistigen Wurzeln totalitären Denkens und totalitärer Regime, sowohl in Form des Faschismus als auch des Stalinismus aufzuzeigen und der Kritik zu unterziehen. Zugleich verteidigte er die »offene«, demokratische Gesellschaft. Offen ist eine Gesellschaft, in der größtmögliche Freiheit besteht, verschiedene Ziele verfolgt werden können und Kritik möglich ist, vor allem an der Regierung. Und die Hauptgrundlage der Demokratie sieht Popper nicht etwa darin, daß die Mehrheit die Herrschaft ausübt, sondern darin, daß es verfassungsmäßige Mittel gibt, eine Regierung gewaltfrei ablösen zu können. Der Einfluß seiner an der Kritik orientierten Erkenntnistheorie auf seine politische Theorie kommt zum Ausdruck, wenn er die traditionelle Frage »Wer soll herrschen« durch die Frage ersetzt: »Wie kann man schlechte Regierungen gewaltfrei beseitigen?« Eine offene Gesellschaft kann ihre Probleme weit besser lösen als eine Gesellschaft mit einer Regierung, deren Fehler nicht durch Kritik aufgedeckt werden und deren starre Programme keine Korrektur erfahren können. Das Ziel der Politik sollte es sein, vermeidbares Leid so gering wie möglich zu halten; dies lenkt die Aufmerksamkeit unmittelbar auf Mißstände und nicht auf utopische Vorstellungen von einer vollkommenen Gesellschaft.

Freiheit und Verantwortung selbst zu tragen ist aber eine Last, die Last der Kultur, und daraus erklärt sich der Wunsch vieler Menschen nach einer geschlossenen Gesellschaft, mit einem starken Führer und unhinterfragbaren sozialen Normen. Dies verspricht Sicherheit und Orientierung, allerdings um den Preis der Freiheit und der gewaltsamen Unterdrückung jener, die andere Ziele oder Auffassungen haben. Platons idealer Staat ist nach Popper eine solche geschlossene Gesellschaft. Ursprünglich ist die geschlossene Gesellschaft die Stammesgesellschaft mit einer magischen Weltanschauung, in der die Konventionen des Verhaltens noch auf einer Stufe mit den unveränderlichen Naturgesetzen stehen und noch nicht als etwas vom Menschen gemachtes angesehen werden, das diskutiert und gegebenenfalls verändert werden kann.

Quelle (es lohnt sich unbedingt auch den ganzen Text zu lesen)

Mit diesen Hintergrundinformationen im Hinterkopf nun aber zum eigentlichen Zitat. Frau Merkel zitierte Popper mit den Worten: „Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von uns ab, von uns allen.“ Damit endet das Zitat dann auch schon. Leider, möchte ich sagen. Denn wie so oft wird es viel interessanter, wenn man weiterliest. Das Zitat stammt aus einem in dem Buch Alles Leben ist Problemlösen veröffentlichten Vortrag und geht folgendermaßen weiter:

Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von uns ab; von uns allen. Sie hängt davon ab, was wir und viele andere Menschen tun und tun werden; heute und morgen und übermorgen. Und was wir tun und tun werden, das hängt wiederum von unserem Denken ab; und von unseren Wünschen, unseren Hoffnungen, unseren Befürchtungen. Es hängt davon ab, wie wir die Welt sehen; und wie wir die weit offenen Möglichkeiten der Zukunft beurteilen.

Das bedeutet für uns alle eine große Verantwortung. Und die Verantwortung wird noch größer, wenn wir uns der Wahrheit bewußt werden, daß wir nichts wissen; oder daß wir so wenig wissen, daß wir berechtigt sind, dieses Wenige als »nichts« zu bezeichnen. Denn es ist nichts im Vergleich zu dem, was wir alles wissen müßten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Quelle (Auch hier lohnt sich unbedingt das Lesen des ganzen Textes)

Und gerade weil es sich so sehr lohnt, möchte ich einfach noch ein wenig aus diesem Text zitieren.

Immer wieder sehen wir die Platonische Frage »Wer soll herrschen?« , sie spielt noch immer eine große Rolle in der politischen Theorie, in der Theorie der Legitimität, und insbesondere in der Theorie der Demokratie. Es wird gesagt, daß eine Regierung das Recht hat zu herrschen, wenn sie legitim ist, das heißt, gemäß den Regeln der Konstitution von einer Mehrheit des Volkes oder seiner Vertreter gewählt wurde. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß Hitler auf legitime Weise an die Macht kam und daß das Ermächtigungsgesetz, das ihn zum Diktator machte, von einer parlamentarischen Mehrheit beschlossen wurde. Das Legitimitätsprinzip reicht nicht hin. Es ist eine Antwort auf die Platonische Frage »Wer soll herrschen?« Wir müssen die Frage selbst ändern…

Das hat Popper natürlich auch getan und rechnet in diesem Vortrag noch ein wenig mit der angeblichen Volksherrschaft ab. Unbedingt lesen.
Auch Frau Merkel und alle Regierenden sollten den Text vielleicht einmal lesen. Nachdem ich ihn gelesen habe, bin ich fast geneigt zu glauben, dass wer immer die Neujahrsansprache für Frau Merkel geschrieben hat, subtil Kritik ausüben wollte.

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5 Gedanken zu „Wer ist eigentlich dieser Karl Popper und was hat er gesagt? – Zur Neujahrsansprache der Kanzlerin

  1. E. Popper sagte am :

    Sie haben es ja selber geschrieben: ,,Dieser Text gefährdet die Dummheit.“

    Grüße E. Popper

  2. Stefan sagte am :

    Klasse Beitrag, danke! Habe den Blog auf der Suche nach Platons Frage „Wer soll herrschen?“ gefunden….

    Was glauben Sie, tendiert Frau Merkel wohl eher zu einer offenen oder einer geschlossenen Gesellschaft? Oder sind Sie sogar der Ansicht, die Gesellschaft sucht sich das selbst aus?

    Ich befürchte, dass ein „autoritäres Moment“ (http://www.zeit.de/1946/34/f-a-hayek-der-weg-zur-knechtschaft) eine Entscheidung vorweg nehmen könnte.

    MfG

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